Die Schmerzgrenze der deutschen Öffentlichkeit oder: „Kantine ohne Fleisch ist wie Künast ohne ü“

Was gab es nicht alles für Skandale in der letzten Zeit, die man hätte öffentlich anprangern können: die hemmungslose Bespitzelung der NSA in aller Welt und in einer Gründlichkeit, die ehemaligen Stasi-Offiziere vor Neid ergrünen lässt. Den Skandal darüber, dass ein Mann sieben Jahre in der Psychiatrie verschwindet, weil er Wahrheiten ausspricht, und das nicht in Putins russischem Reich sondern mitten in Deutschland, naja, sagen wir, mitten in Bayern. Den Skandal um die Justizministerin dieses kriegerischen Alpenvölkchens, die sich nicht entblödet, nachdem sie zunächst alles getan hat, den Skandal um Gustl Mollath kleinzureden und jegliche Aufklärung daran wortreich zu verhindern, jetzt als Retterin von Gustl Mollath zu inszenieren. Nicht zuletzt der Dauerbrenner „Stuttgart 21“, der quasi im Tagestakt neuen Anlass zur Empörung gibt.

All das hätte man zum Anlass nehmen können, aufzuspringen und laut aufzuschreien: „SO NICHT!“.

Doch was passiert statt dessen? Statt dessen veröffentlicht die BILD-Zeitung, die Mutter allen Gossenjournalismus‘, die Keimzelle des schlechten Geschmacks und der Banalität einen „Artikel“, der vom reißerischen Titel bis zum letzten Komma schlicht und ergreifend durch und durch erstunken und erlogen ist und was tut das Volk? Es empört sich!

Worum ging es in dem „Artikel“ der Bild-Zeitung? Um nichts geringeres als um einen Punkt im Programm der GRÜNEN, der nicht nur schon mehrere Jahre alt ist, sondern der darüber hinaus etwas beinhaltet, was jeder, der auch nur für 10 ct. Verstand im Kopf hat, sofort und ohne Abstriche unterschreiben könnte, ganz gleich, ob er nun Parteigänger, Anhänger oder Mitglied der grünen Partei ist oder nicht. Es geht darin um nichts geringeres als darum, dass die Deutschen viel zu viel zu viel zu viel Fleisch essen und dass das mit immer mehr und mehr Leid für die Tiere in den Fleischfabriken, in den Schlachthöfen, in den „Produktionsstätten“ der Schnitzel, Burger und XXL-Steaks unserer Republik verbunden ist.

Das Schmierenblatt aus Hamburg mit den vier blutverschmierten Buchstaben titelte also ebenso falsch wie niederträchtig: „Die Grünen wollen uns unser Fleisch verbieten“. Und was passiert? Sofort geht ein Sturm der Entrüstung durch die Medienlandschaft. Der Blätterwald stürmt, die Kommentatoren von Nord bis Süd tragen Schaum vor dem Mund! Nochmal: nicht etwa über die Enthüllungen von Ed Snowden, oder darüber, dass jeden Tag Tausende und Abertausende unschuldige Männer, Frauen und Kinder in den brutalen Konflikten dieser Welt dahin geschlachtet werden, damit der eine oder andere durchgeknallte Potentat seine Allmachtsphantasien durchsetzen kann. Das wäre geradezu belanglos, es sind gleichsam Bagatellen verglichen mit dieser entsetzlichen Nachricht der Bild-Zeitung. SIE WOLLEN UNS UNSER FLEISCH VERBIETEN!!! Das kann ja wohl nicht wahr sein! jetzt wollen uns diese Öko-Faschisten schon vorschreiben, was wir essen dürfen!!

Haben wir dafür Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut mit unseren bloßen Händen? Haben wir dafür in Leipzig und Ostberlin für die Freiheit demonstriert? Haben wir dafür unsere Männer und Frauen in Afghanistan geopfert? Dass die Grünen uns jetzt unser Fleisch verbieten wollen??? 

Liebe Empörte, liebe an Rabies erkrankte Mitmenschen, liebe Grill-Nahkämpfer von FDP und CDU: die Grünen wollen euch gar nichts wegnehmen. Sie haben lediglich zum denkbar falschen Zeitpunkt, nämlich mitten in der heißen Phase des bislang vollkommen ereignislosen Bundestagswahlkampfes, einer Zeit also, in der alle Mittel erlaubt zu sein scheinen, versucht, euer Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wir Deutschen in unserem Leben „Vier ganze Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner“ (Heinrich-Böll-Stiftung, „Fleischatlas 2013“) verputzen, für die in der Massentierproduktion zehntausende Schlachttiere auf brutalste Weise als „Produktionsfaktor“ auf Maximalausbeutung hin gezüchtet und getötet werden, dass man ihnen das Schmerzzentrum im Gehirn lahmlegt, damit sie nicht mehr spüren, wenn sie noch mehr „optimiert“ werden. Das alles ist euch aber egal, weil ihr am liebsten noch mehr Fleisch essen würdet, wenn es noch billiger wäre als es jetzt schon ist.

Weil ihr aber irgendwo in eurem Unterbewusstsein ganz offensichtlich ein unglaublich schlechtes Gewissen habt, das euch wieder und wieder und wieder einhämmert, wie krank das ist, dass Menschen in der dritten Welt an Hunger sterben, weil auf den Feldern, auf denen man Getreide anbauen könnte und damit alle Hungernden sättigen könnte, lieber Sojabohnen angebaut werden, monokulturell und die Böden auslaugend, um damit dann das Schlachtvieh zu füttern, dass auf eure Teller kommt; wie pervers es ist, dass bei uns unter erbärmlichen Zuständen unter anderem beim derzeitigen Hauptsponsor eines großen deutschen Fußballvereins Millionen und Abermillionen Hühnchen „produziert“ werden, von denen dann bestenfalls Brust und Keule auf unseren Tellern landen, während der Rest, das, wofür sich die fitnessbewusste deutsche Durchschnittssportlerin zu schade ist, mit dem Schiff nach Afrika (!!!!) transportiert wird, wo es dann so billig verkauft wird, dass die Einheimischen, die ein paar Hühner halten, davon gelegentlich eines schlachten und zum nächsten Markt tragen um es dort zu verkaufen, damit die Familie für die nächsten Tage versorgt ist, auf ihren Hühnchen sitzen bleiben und wieder kein Geld mit nach Hause bringen können… Ja, für die Fleischindustrie hierzulande ist es tatsächlich möglich, selbst dann, um es deutlicher zu sagen, wenn sie ihre FLEISCHABFÄLLE EXPORTIEREN, mit dem Schiff um die halbe Welt karren, diese vor Ort immer noch gewinnbringend zu verramschen – was den Einheimischen jede Möglichkeit nimmt, selbst etwas Geld zu erwirtschaften! „Erst kommt das Fressen und dann die Moral“, heißt es bei Bertolt Brecht. Hier ist es noch schlimmer: hier kommt erst das „fressen“, dann „fressen“ die Einheimischen dort unseren Müll, die Moral bleibt komplett auf der Strecke und die Manager der Geflügelindustrie freuen sich darüber, dass die Deutschen so scharf auf ihre Hühnchen sind.

Weil ihr das natürlich nicht zugeben könnt – deshalb, ja, deshalb shitstormt ihr lieber gegen die Grünen, die euch euer Schnitzel madig machen wollen. Auch wenn sie es eigentlich gar nicht wollen. Scheißegal.

Hauptsache, es gibt genügend Grillfleisch und die Bundesligasaison fängt pünktlich an. Dann herrscht wieder Frieden im Land. Dann ist der deutsche Michel selig. Schlaf, Michel, schlaf.

Ergänzend noch ein paar weiterführende Links zum Thema:

Der Blog-Beitrag meiner Blogger-Kollegin Marianne Kreichgauer, die sich auch sehr wertvolle Gedanken zu diesem Thema gemacht hat.

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung, der  mal geschaut hat, was ein „veggie-day“ für diejenigen bedeutet, die unter dem unsäglichen Fleischkonsum der Deutschen am meisten leiden müssen.

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