Vom Lebens-Wert

Zum ersten Mal wurde ich sehr nachdenklich, als am Tag, nachdem ich fröhlich bewegt und inspiriert vom Vegan Street Day hier in Stuttgart war, als ich in einer Diskussion um das Thema „Blutspende“ die Aussage fand „Ich spende kein Blut, weiß ich denn, ob am Ende nicht ein Fleischesser mein Blut bekommt und dadurch am Leben bleibt“. Ich musste diesen Satz – den ich hier nicht mehr wörtlich wiedergeben kann, aber sinngemäß durchaus – mehrmals lesen, weil ich mir beim ersten Mal nicht sicher war, ob ich das wirklich gelesen hatte.
Da sagt ein Mitglied einer Gruppe in facebook allen Ernstes: lieber stirbt ein Mensch, dessen Fehler es ist, Fleisch zu verzehren, bevor er mein Blut bekommt. Welches Weltbild, welches Menschenbild steckt hinter einer solchen Aussage? Ich nehme den Tod eines Menschen billigend in Kauf, weil er meinen Lebensstil nicht teilt. Das muss man sacken lassen, so etwas hört man nicht alle Tage. Glücklicherweise war ich nicht der einzige, der diese Aussage sofort und sehr deutlich kritisiert hat. Aber dennoch bleibt die Frage: wie kann ein Mensch, der ganz offensichtlich über sehr viel Empathie Tieren gegenüber verfügt, dennoch so eiskalt und gefühllos Menschen gegenüber sein? Wie groß muss die Enttäuschung über Menschen sein, damit man so wird. Kann das alleine daran liegen, dass diese Menschen Fleisch essen? Kann die Tierliebe so weit gehen?

Anfangs war ich schockiert und entsetzt und bin es immer noch, aber ich habe mir überlegt, ob es nicht daran liegen könnte, dass diese – ich glaube es war eine „sie“ – Userin sich sehr intensiv mit dem Thema Tierleid auseinandergesetzt hat und sich angesichts dessen, was aus der industriellen Tierhaltung oder auch einfach nur von brutalen Tierquälern jeden Tag zu sehen und zu hören ist, eine ganz tiefe Wunde in die Seele der Frau geschlagen hat.
Die Frage bleibt: ist es dennoch gerechtfertigt, eine solche Haltung an den Tag zu legen? Ich denke, bei allem Verständnis für ihre Wut und ihre Verbitterung: nein. Nein, es kann und darf nicht sein, dass uns das Wohl der Tiere wichtiger ist als das Wohl der Menschen. Damit würde man den einen Denkfehler durch einen anderen ersetzen.

Letztlich kann es doch nur darum gehen, dass Menschen und Tiere in Eintracht und Harmonie MITeinander leben. Weder darf der Mensch die Tiere, die unsere Mitgeschöpfe sind und genau so von göttlichem Odem beseelt sind wie wir, zu seinem eigenen Wohl ausbeuten, noch kann es uns egal sein, wenn Menschen leiden.

Tieren wurde im Verlauf der Menschheitsgeschichte unendliches Leid von Menschen zugefügt und das ist nach wie vor so. Tiere werden ausgebeutet, Tiere werden als Versuchsobjekte missbraucht, sei es für die Medizin, für kosmetische Produkte, Chemikalien oder ganz besonders perfide: zur Erprobung von Kriegswaffen. Tiere werden aus schierer Lust am Quälen brutal misshandelt, Tiere verkommen zur Ware, Tiere dienen dem menschlichen Spaß- und manchmal sogar dem menschlichen Lustgewinn.

Ebenso wurde Menschen im Lauf der Menschheitsgeschichte unendliches Leid von anderen Menschen zugefügt und auch das ist nach wie vor so. Kriege, Pogrome, Inquisition, die Shoah, der Einsatz von Agent Orange in Vietnam, Chemiewaffen in Liyben, „Kolateralschäden“ beim „Chirurgischen Krieg“ im Golf, der 11. September, Rostock, Mölln, Solingen, der alltägliche Rassismus, um nur einige der furchtbaren Verbrechen von Menschen an Menschen.

Ich bin Christ. Aus Überzeugung, aus einem tief in mir verwurzelten Glauben. Eine der Personen der Kirchengeschichte, die mich persönlich am meisten beeindruckt haben, war Giovanni Battista Bernardone, besser bekannt als Franziskus von Assisi. Der Heilige Franziskus war der Sohn reicher Eltern, der als junger Mann beschlossen hat, seinen Reichtum aufzugeben, ihn buchstäblich seinem Bischof und seinem Vater vor die Füße geworfen, um fortan nach dem Vorbild Jesu zu leben. Der heilige Franziskus gilt als Schutzpatron der Tiere, ihm zu Ehren wird am 4. Oktober der Welttierschutztag gefeiert. Man sagt, er habe eine besondere Beziehung insbesondere auch zu Tieren gehabt und er sah in allen beseelten und unbeseelten Lebewesen, wie er es nannte, also in allen Menschen, Tieren und Pflanzen Geschöpfe und damit Geschenke Gottes. Obgleich ich evangelisch bin, habe ich zu diesem Heiligen der katholischen Kirche eine besondere Verbindung. Schon als kleiner Junge war ich davon fasziniert, wie er mit Vögeln betete, wie er ganz selbstverständlich alle Menschen, Tiere und Pflanzen gleichermaßen ehrte  und würdigte.

Und genau deshalb ist es für mich auch völlig undenkbar, dass ich gleichgültig daneben stehe, wenn einem Tier Leid zugefügt wird. Genau so undenkbar wäre es für mich aber, dabei zuzusehen, wie einem Mensch Leid angetan wird. Beide haben mein Mitgefühl und meine Hilfe verdient. Und wenn durch meine Hilfe, durch meine bewusste Entscheidung, kein Fleisch und keine tierischen Produkte mehr zu verzehren, das Leid der Tiere verringert werden kann, dann wiegt das für mich nicht weniger, aber auch nicht mehr, als wenn durch meine Hilfe – und im Zweifelsfall durch mein Blut – einem Mensch das Leben geschenkt werden kann.

Ich habe als Kind sehr häufige und lange Krankenhausaufenthalte und viele Operationen über mich ergehen lassen müssen. Ohne die Hilfe von Menschen, die ich nicht kenne, und die mich nicht kennen, wäre ich heute nicht mehr am Leben. Denn diesen Menschen – oder vielmehr ihrem Blut – habe ich zu verdanken, dass die Operationen, die für mich über-lebenswichtig waren, erfolgreich durchgeführt werden konnten. Hätten diese Menschen so gedacht wie die junge Frau in der Gruppe, dann gäbe es dieses Blog nicht, dann gäbe es diesen Artikel nicht. Dann wäre ich vor ziemlich genau 43 Jahren im Alter von einem Jahr verstorben.

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5 Gedanken zu “Vom Lebens-Wert

  1. Ein wunderbarer Artikel. Und besonders der letztes Absatz geht einem mittenrein.
    Ich finde es auch sehr schön, dass du als Christ so denkst, wie du es in diesem Post dargestellt hast. Ich selber bin zwar nicht gläubig, habe aber schon einige Christen in meinem Leben kennen gelernt. „Leider“ war bei diesen Christen die Empathie sehr selektiv auf seiten der Menschen verankert. Gemäß dem Motto „Macht euch der Tiere untertan“ (entschuldige, wenn es nicht korrekt wiedergegeben ist, ich bin nicht so bibelfest, aber sinngemäß müsste es stimmen). Da habe ich eine Christin erlebt, die für Unterschriften gegen Affenversuche nur ein müdes und – fast schon – mitleidiges Lächeln übrig hatte. Sie hätte nicht mal ihre Adresse oder Telefonnummer hinterlassen müssen. Einfach eine simple Unterschrift .
    Oder ein ehemaliger Kumpel hat mir fröhlich und stolz davon erzählt, wie er bei einem Kumpel spontan den Hasen mit der Eisenstange schlachten durfte.. Da frage ich mich auch als Nichtgläubige: ist das im Sinne Gottes? Daher bin ich sehr froh, nun deine Worte dazu lesen können und mein Vorurteil über Gläubige, das sich durch eben beschrieben Situationen aufgebaut hat, wieder etwas abtragen zu können.

    Liebe Grüße
    Federchen

    • Hallo Federchen!

      Erstmal lieben Dank für deine freundlichen Worte zu dem Artikel. Es freut mich, muss ich sagen, es freut mich sogar sehr, damit das Bild, das du von gläubigen Christen hast, ein wenig verändert zu haben.

      Der Heilige Franziskus von Assisi, Jesus – das sind für mich die zentralen Figuren meines Glaubens. Beide strahlen durch ihr Leben und Werk soviel Liebe, Wärme, Empathie, Mitgefühl aus, dass ich schon immer von ihnen begeistert bin. Mit christlichen Taliban, mit Menschen, die das Bild eines strafenden Gottes in sich tragen, mit Menschen, die glauben, Gott habe ihnen, weil sie Christen sind, eine Art Freibrief ausgestellt, weil alles, was sie tun, wie sie glauben, im Namen Christi geschieht – mit solchen Menschen fange ich nichts an. Mein Bild von Gott ist das Bild eines liebenden Gottes, eines Gottes, der die Menschen geschaffen hat, damit sie all die wunderbaren Gaben nutzen, dass sie sich daran erfreuen, wie vielfältig und bunt er diese Erde, die Tiere, die Pflanzen und nicht zuletzt uns Menschen geschaffen hat. Aber nicht, damit wir sie uns „untertan“ machen im Sinne von Ausbeutung, sondern dass wir sie uns in dem Sinne untertan machen, dass wir sie beschützen und pflegen.
      In diesem Sinne wünsche ich dir weiterhin viel Spaß beim Lesen meines Blogs und hoffe, dass du noch viele Anregungen finden kannst!

      Liebe Grüße,

      Ralf

      • Lieber Ralf,

        wunderbare Ansichten hast du, die du mit wirklich sehr, sehr schönen Worten beschrieben hast! Genau so, aber wirklich 100 % genau so, stelle ich mir einen Christen vor. Ich hoffe, dass sich viele von dir eine Scheibe abschneiden. Hiermit hast du mein Bild von gläubigen Christen sogar sehr verändert. Ich weiß und wusste natürlich, dass es auch „gute/vorbildliche“ Christen wie dich gibt, aber letztendlich urteilt man dennoch nach den eigenen Erfahrungen. Schön, dass ich endlich neue Erfahrungen sammeln konnte.

        Liebe Grüße
        Federchen

      • freut mich sehr. aber ich bin natürlich in keinster weise „vorbildlich“. selbst „gut“ würde ich in sehr große anführungszeichen setzen wollen! ich hatte einfach das glück, von anfang an einen glauben kennen gelernt zu haben, der von liebe und hinwendung geprägt war anstatt von ausgrenzung und hartherzigkeit. ich denke, es hat auch ein wenig damit zu tun, dass ich religiös ab mitte der 70er jahre sozialisiert wurde und das gemeindeumfeld, in dem ich geprägt wurde, stark vom kirchlichen teil der friedensbewegung geprägt war. die kirchliche friedensbewegung wiederum ist inspiriert von der bergpredigt (falls es dich interessiert: matthäus 5 – 7: http://www.bibleserver.com/text/EU/Matth%C3%A4us5) und aus der friedensbewegung der ddr kam damals das motto „schwerter zu pflugscharen“, das inspiriert war von dem bibeltext „dann schmieden sie pflugscharen aus ihren schwertern und winzermesser aus ihren lanzen. man zieht nicht mehr das schwert, volk gegen volk, und übt nicht mehr für den krieg. jeder sitzt unter seinem weinstock und unter seinem feigenbaum und niemand schreckt ihn auf (…)“ (micha 4, 1-4: http://www.bibleserver.com/text/EU/Micha4)
        in diesem klima bin ich aufgewachsen in einer zeit, in der der gegenentwurf der konservative ansatz vom gleichgewicht des schreckens in deutschland mehrheitsfähig war und das hat mich geprägt. viele haben sich davon im lauf der jahre wegentwickelt, ich nicht. für mich gilt das nach wie vor. besonders geprägt hat mich die kirchliche friedensorganisation „ohne rüstung leben“, die mir bis heute wichtig ist und am herzen liegt.

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